Kultur zwischen Klischee und Leuchttürmen

Seit vielen Jahren versucht sich das Ruhrgebiet auch als „touristischer Hotspot“ zu etablieren.
Es gibt im RVR dafür sogar extra den Eigenbetrieb RUHR TOURISMUS GMBH.
Doch auch wenn das Revier ja tatsächlich grüner ist als es das Klischee erlaubt, wegen des „Naturerlebnis“ wird es niemanden in den Pott ziehen.
Was diese Region einzigartig macht ist ihre Kultur. Industrie-Kultur.

Der für das Ruhrgebiet so schmerzhafte „Strukturwechsel“ hat nicht nur viele Arbeitslose hinterlassen, sondern eben auch die Orte der ehemaligen Arbeit.
Kohlebergwerke und Schwerindustrie, riesige Industrie-Denkmäler die vielleicht nicht immer von einer „besseren“, aber zumindest „anderen“ Zeit erzählen.
Nurmehr eine Erinnerung an „rauchende Schlote“, „Kumpel“ und „Malocher“.
Dem Klischee des Ruhrgebiets.

Um diese Erinnerungskultur zu erhalten (und durchaus auch, weil wirtschaftliche Alternativen oft nicht in Sicht waren und ein Abriss aufgrund von Altlasten in den Böden für die Kommunen finanziell nicht realisierbar war) wurden viele, wirklich viele dieser „Leerstände“ einem Konzept zwischen Erhalt und kultureller Neu-Nutzung zugeführt und bilden heute die „Route der Industriekultur“ des RVR.

Auf knapp 400 Kilometern sind verschiedene „Kulturorte“ im ganzen Ruhrgebiet vernetzt worden. Von 26 wichtigen „Ankerpunkten“ wie dem Landschaftspark Duisburg Nord, einem ehemaligen Eisenhüttenwerk oder dem UNESCO-Welterbe Zeche Zollverein über diverse Industrie-Museen wie das Deutsche Bergbaumuseum in Bochum oder die DASA in Dortmund
bis hin zu 17 besonderen „Aussichtspunkten“ auf Halden o.ä.

Verlangsamter Verfall

Viele dieser „Industriedenkmäler“ sind heute beeindruckende Kulturspielorte mit ganz eigenem Charme.
Und die „Route der Industriekultur“ ist in ihrer Art einzigartig weltweit.

Aber die Euphorie darf nicht darüber hinweg täuschen, dass es alles auch ein stückweit Hilflosigkeit gegenüber des massiven Strukturwandels im Revier ist.
Ein Kulturspielort, so toll dieser auch ist, kann nicht die verschwundene Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft ersetzen.
Und die Zahl der „Industriedenkmäler“ ist im Ruhrgebiet enorm – fast 3.500 solcher Orte gibt es hier.

Und auch diese „Denkmäler“ brauchen Geld und Ressourcen für deren Erhalt. Geld, dass leider nicht in ausreichender Menge zur Verfügung gestellt wird.
In manchen Museen können Ausstellungsstücke von alten Maschinen schon gar nicht mehr betrieben werden. Weil nicht nur das nötige Budget zur Erhaltung feht, sondern auch die Menschen, welch diese bedienen können – weil es zuhauf ehemalige Arbeiter waren, die ehrenamtlich ihr Wissen und ihre Zeit zur Verfügung gestellt haben. Eine überalterte Generation, für die es keinen Nachwuchs mehr gibt. Das zeigt sich am eklatantesten im Bereich Bergbau.

Aber auch die Gebäude an sich brauchen ausreichend Budget zum Erhalt der Bausubstanz. Und auch da fehlt es an vielen Ecken und Kanten.

„Es kann nicht die Lösung sein, aus jeder Industriebrache ein Denkmal machen zu wollen. Entweder muss endlich angemessen Geld in dieses Prestigeobjekt gesteckt werden – oder die Route der Industriekultur muss sich schlicht verschmalern.“
Dirk Pullem, Fraktionsvorsitzender der RVR-Piraten

Vom Gestern ins Heute

Der Rückblick ins industriell Vergangene ist aber bei Leibe nicht das einzige, was die Metropole Ruhr an Kultur zu bieten hat.
Überregional anerkannte Hochkultur in Schauspiel, Philharmonie und bildender Kunst ebenso wie kulturelle Großevents wie die Extraschicht, die bundesweit ihresgleichen Suchen.
Und vieles davon unterstützt und fördert der Regionalverband Ruhr.

Hier nur eine kleine Auswahl:

EXTRASCHICHT

TAG DER TRINKHALLEN

!SING – DAY OF SONG

RUHR KUNST MUSEEN

RUHRBÜNEN

RUHRTRIENALE

INTERKULTUR RUHR

LITERATURPREIS RUHR

KULTURKONFERENZ RUHR

Die einzelnen Theater, Schauspielhäuser, Opern und viele der Museen sind aber kommunale, städtische Angelegenheiten. Und dienen nicht wenigen Städten als Aushängeschild und stehen ob der Enge der aneinander liegenden Städte gegenseitig in arger Konkurrenz.
Hinzu kommen Museen des LVR, private Träger und andere Akteure.

Dies führt zu einem unübersichtlichen Teppich unterschiedlichster Akteure, Förderer und Verantwortlicher hier im Ruhrgebiet. Statt zu Synergieeffekten kommt es zu Unwegsamkeiten – sowohl für die Kulturschaffenden als auch für die Besucher*innen.

Es ist Sinnbildlich wie bei der Extraschicht, an der an einem Abend Hunderte von Kulturacts an fast ebenso vielen Orten gleichzeitig stattfinden. Das ist für das „Event“ Extraschicht gewollt und Teil des Konzeptes – aber es gibt auch eine gemeinsame Planung, ein umfassendes Programm und eine Shuttleservice für die Besucher.

Es braucht eine bessere Koordination der einzelnen über das Ruhrgebiet verteilten Spielorte, es braucht eine bessere Erreichbarkeit dieser Spielorte (ÖPNV-Anbindung) und vor allem braucht es ein Ende der kommunalen Prestigeobjekte ohne Blick auf die Metropole Ruhr als ganzes.

Zwischen „großer Sause“ und „Nachhaltigkeit“

Viele dieser Kulturveranstaltungen sind große Events mit überwältigendem Programm, das wie ein Feuerwerk abgezündet wird. Viel, grell und schön – aber schnell zu Ende und danach nur dicke Schwefel-Wolken am Himmel.

Etwas, für das die große Sause „Kulturhauptstadt 2010“ wie keine andere steht.
Ein Programm der Superlative mit vielen grandiosen Veranstaltungen – aber auch mit tragischen 21 Toten auf der Loveparade in Duisburg.

Doch 10 Jahre nach ruhr.2010 ist von den vormals vollmundig versprochenen „Nachhaltigen Auswirkungen auf die Kulturwirtschaft“ wenig bis gar nichts zu spüren…

Das Kulturangebot im Ruhrgebiet ist zwar reichhaltig und vielschichtig – aber auch zerfasert, unübersichtlich und unkoordiniert.

Zwischen „von hier“ und „weit weg“

Bei vielen der großen Kultur-Events des Ruhrgebietes merkt mensch, dass es die Gratwanderung zwischen „Kultur aus dem Ruhrgebiet“ und „internationale Stars zum Angeben“ oft nicht geschickt gegangen wird.
Mit dem Selbstbewusstsein einer „Metropole Ruhr“ verlangt es nach internationalem Flair und weit strahlenden Prestige- und Leuchtturmprojekten. Doch dieser Großmut endet all zu oft in Skandalen und Skandälchen, in finanzielle Schieflagen und in desaströse Ergebnisse.
Das Ruhrgebiet tut sich bis heute schwer, eine „eigene“ Kultur abseits der abgehalfterten Klischeebilder zu etablieren.
Dabei wäre genau das eine Aufgabe für den Regionalverband Ruhr.

Fazit:

Die Förderung von Kunst und Kultur ist grundsätzlich von essentieller Wichtigkeit und daher

ABER: Es braucht eine deutlich bessere Koordination der vielen Akteure, Träger und Fördertöpfe.
So wie es jetzt ist, ist’s einfach ZU zerfasert…


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