Ein Modellprojekt für… ???

Angesicht des dringend notwendigen Umdenkens in der Mobilität – insbesondere in urbanen Ballungsgebieten wie dem Ruhrgebiet – ist ein massiver Ausbau des Radverkehrs (neben ÖPNV und anderen Alternativen zum Autoverkehr) mehr als dringend geboten.
Doch das ambitionierte Projekt „RS1“ kommt einfach nicht voran…

Neben einer fahrradfreundlicheren Straßenplanung vor Ort und den klimafreundlichen Umbau der Innenstädte, wofür die Städte und Kommunen selbstverantwortlich sind (→ siehe unseren Beitrag über den Regionalplan), braucht es auch städteübergreifende, schnelle und sichere Verbindungen für Radfahrende.

Der Radschnellweg Ruhr RS1 soll genau so eine Verbindung sein. Eine „Schnellstraße für Fahhräder“, die das Ruhrgebiet einmal quer von Duisburg bis Hamm verbindet – mit knapp über 100km der längste Radschnellweg Europas. Eine Einsparung von an die 50.000 täglichen Autofahrten und 16.000 Tonnen CO²-Emissionen wurden prognostiziert. Eine wichtige Entlastung für die tägliche staugeplagten Straßen im Ruhrgebiet.

Ein Prestige- und Vorzeigeprojekt des Regionalverband Ruhr aus dem Jahr 2010, vorangetrieben maßgeblich auch vom Planungsdezernenten Martin Tönnes (Grüne) (→ siehe unseren Beitrag über den Regionalplan).

Ein „bundesdeutsch beispielhaftes Modellprojekt für Städteverbindungen„, so heißt es vollmundig in Pressetexten und Imagekampagnen.

Doch nach 10 Jahren Planung, Kampagnen und guter Worte ist die Bilanz für die Fahrradfahrenden ernüchternd. Von dem „Modellprojekt” ist das „beispielhafte” eher die Verzögerungen, die schleppenden Prozesse innerhalb verschachtelter Verwaltungen und die bisher mangelnden Resultate..

 

Bilanz nach 10 Jahren ernüchternd

Der Planungsentwurf für den RS1 wurde 2010 eingebracht in die Verbandsversammlung eingebracht.2012 gab es eine erste Förderzusage, 2014 eine Machbarkeits-Studie…

Von den geplanten 100 Kilometer sind bisher lediglich zwei kleine Teilstücke in Essen und Mülheim realisiert worden. Kaum mehr als 10% der gesamten Strecke.

Viele Streckenabschnitte stecken noch in Planung, für einige wenige ist ein Bau zumindest absehbar.
Von einem durchgehenden, „ruhrgebietsverbindenden” Radschnellweg kann noch lange keine Rede sein.

Der aktuelle Sachstand zum Projekt „Radschnellweg Ruhr – RS1“ (Stand: 04.05.2020):

 

 

Ort Planungsstatus Baubeginn *
Abschnitt Duisburg
6,1 km / 26,0 Mio Euro
Vorplanung 2022
Abschnitt Mülheim (Ruhr)
StGr Duisburg bis HS Ruhr-West
3,0 km / 4,0 Mio Euro
Vorplanung 2021
Abschnitt Mülheim Hbf
Uni Duisburg/ Essen
10,6 km / 10,2 Mio Euro
ohne Planung 2023
Abschnitt Essen
7,2 km / 13,3 Mio Euro
Entwurfsplanung 2020
Abschnitt Gelsenkirchen
2,8 km / 7,1 Mio Euro
Bau 2019
Abschnitt Bochum
16 km / 28 Mio Euro
Entwurfsplanung 2020
Abschnitt Dortmund
23,5 km/ 22,1 Mio Euro
Vorplanung k.A.
Abschnitt Kreis Unna
19,9 km / 27,3 Mio Euro
Vorplanung 2026
Abschnitt Hamm
10,2 km/ 9,2 Mio Euro
Vorplanung k.A.


* voraussichtlich

 

Der aktuelle Planungsstand ist ernüchternd und liegt meilenweit hinter den einst geplanten Fertigstellungsterminen zurück.

 

Warum geht’s nicht voran?

Die Planung des Radschnellweg RS1 im Regionalverband Ruhr ist nur eine Gobplanung des Streckenverlaufs. Die Ausgestaltung vor Ort obliegt den einzelnen beteiligeten Kommunen.

Und genau dort, in den Planungsstuben der Rathäuser, stockt es.

Die einzelnen Städte sind offensichtlich längst nicht so fahradfreundlich eingestellt wie sie und ihre Oberbürgermeister (insbesondere gerade zu Wahlkampfzeiten) gerne behaupten.

Tatsächlich grassiert in vielen Städten noch immer ein „Auto first“-Denken, wenn es um Stadt- und Straßenplanung geht. Nirgends hat der Radschnellweg wirklich Priorität.
Die Detailplanungen und genauen Streckenverläufe in den einzelnen Städten sind sehr heterogen. Mal wird geplant, die Streckenbreite weit unter die nötige vier Meter Breite zu verringern, mal sind auf dem Rad„Schnell“weg sogenannte „Shared Spaces” mit Fußgängern und Tagestouristen angedacht, mal verkompliziert es Streckenführung mitten durch’s Stadtgebiet wie in Dortmund im Kreuz-Viertel und in einzelnen Städten ist noch nicht einmal die finale Trassenplanung vor Ort überhaupt abgestimmt.

Zwar hat das Land NRW 2016 durch Änderung des Straßen- und Wegegesetzes NRW Radschnellwege den Landesstraßen gleichgestellt und die Zuständigkeit ist somit auf das Land übergegangen – doch einen wirklichen Schub für das Projekt gab auch das nicht.
Das ist vom straßen.NRW wohl aber auch nicht zu erwarten…

Zudem beklagen sich die nicht an den RS1 angebundenen Städte und Kommunen, weil sie nicht direkt an dem Projekt partizipieren.

 

Politische Grabenkämpfe und Auto-fixiert

Zudem ist auch auf politischer Ebene innerhalb der Verbandsversammlung nicht wirklich Einigkeit ob der Priorität des Radschnellwegs zu verspüren. Das aus der letzten Legislatur unter Rot-Grüner Mehrheit beschlossene Projekt wird von den Fraktionen der FDP aber auch von Seiten des neuen Koalitionspartners CDU immer wieder ausgebremst.

Vor allem wurden die Beschlüsse des RVR schlicht von den Mandatsträgern nur schleppend oder halt gar nicht in ihre Ortsverbände und Stadtparlamente getragen.

FunFact:
Würden die Sitzungsunterlagen der Verbandsversammlung der letzten 10 Jahre zum Thema Radschnellweg ausgedruckt und aneinander gelegt werden, wären diese bereits länger als die gesamte Strecke des RS1.

Es scheint ganz offensichtlich, dass (gerade im Ruhrgebiet) das alte Malocher-Klischee von dem Prestigeobjekt „eigene Karre“ — vom Manta-Image aus Currywurst-Tagen über den Tuning-Einkaufstempel D&W bis zum heutigen youtube-Star JP-Performance — noch arg wirkungsmächtig ist. Die Auspufflobby ist stark im Pott.

 

Fazit

Angesicht der desaströsen Verzögerungen und Planungs-Fails kommen wir für den Radschnellweg Ruhr RS1 in seiner derzeitigen Form leider zu dem Schluss, dat

So wichtig und dringend Notwendig solche Radweg-Verbindungen zwischen den Städten auch sind…
So sehr es angesicht der Klimakrise, der mit Autos und den damit verbundenen Lärm- und Abgasemissionen verstopften Innenstädte dringend geboten ist, unsere urbane Mobilität umzustellen…

So sehr wir dem Fahrradverkehr auch mehr Raum in unseren Städten einräumen müssen…

SO, steifmütterlich wie der Radschnellweg RS1 derzeit von den unteren Planungsbehörden in den Städten behandelt wird, bringt das nichts.

Wenn auch nach 10 Jahren faktisch noch mehr als die Hälfte der Strecke in (Vor-)Planungs-Status stecken, bringt uns das in Sachen Mobilitätswende genau so wie die Fahradfahrenden: kein Stück weiter.


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